Vom Müssen und davon, frei zu sein
Wie ich mein halbes Leben lang glaubte, keine Wahl zu haben
Dieser Artikel erzählt nicht die Geschichte einer Flucht. Auch ist der Grund für meinen Schritt keine Krise, kein Blackout und kein Jobverlust.
Das, wovon ich hier erzähle, ist meine Art, Freiheit zu leben.
Was ist Freiheit für mich?
Die Freiheit der Menschen liegt nicht darin, alles tun zu können, was sie wollen, sondern darin, dass sie nicht tun müssen, was sie nicht wollen!
Dieses Zitat wird verschiedenen Urhebern zugesprochen. Ein Zitat ist nur ein Zitat, solange es nicht mit Leben gefüllt wird. Was also bringt es, wenn ich es nur nutze, um Dinge auszudrücken, die ich selbst gar nicht lebe?
Nichts!
Es ist nur Geschwafel.
Viele Jahre habe ich Dinge gemacht, weil ich dachte, ich müsste
Als ich 16 war, habe ich eine Ausbildung zum Buchbinder gemacht. Ich musste um 7 Uhr anfangen und auch am Wochenende arbeiten. Ich wusste nicht, was ich sonst machen soll, also habe ich eben das gemacht. Mein Chef war ein Choleriker. Wegen jedem Scheiß hat er mich zusammengefaltet.
„Eine Handwerksausbildung kann dir keiner mehr nehmen. “, wurde mir gesagt.
Ich hab im Callcenter Kaltaquise gemacht. Verkauf. “30 Abschlüsse pro Tag. Die musst du haben.” - Ich hatte die. Mir ist das nicht schwergefallen. Ich hatte trotzdem zu wenig Geld. Ich hab hier gearbeitet und dort. Ich musste Geld verdienen.
Dann habe ich nebenbei mein Fachabitur in Gestaltung an der Abendschule nachgeholt. „Das kann dir keiner mehr nehmen“, wurde mir gesagt. Ich wollte gar nicht studieren. Hatte die Schule satt.
Vielleicht musste ich das gar nicht machen. Aber ich dachte, ich müsste es. Weder das eine noch das andere habe ich je wieder “gebraucht”.
Später habe ich in der Logistik gearbeitet. Frühdienst, Spätdienst, Notdienst, Wochenende. Später eine eigene Abteilung gegründet und nur noch spezielle Transporte kalkuliert. Valoren, Gefahrgut, Prototypen für die Formel 1, verdeckte Transporte. Es gab nichts, was nicht ging. Ich musste das machen, weil es sonst keiner konnte.
Zu Hause hab ich immer öfter gesagt: “Ich muss arbeiten!”.
Treffen mit Freunden und Familie habe ich abgesagt.
Meine Worte waren:
Ich muss Geld verdienen.
Ich muss einkaufen fahren.
Ich muss gehen.
Ich muss. Ich muss. Ich muss.
Viele Jahre habe ich das so ausgehalten.
Auch ein Jobwechsel, nach 10 Jahren in der gleichen Firma, hat nicht geholfen.
Eine neue Beziehung. Ein Umzug. Ein neuer Lebensinhalt.
Das alles hat nichts verändert.
Ich bin durch mein Leben gegangen wie ein Fremder.
2022 lebte ich, schon seit ein paar Jahren, in einer WG auf einem großzügigen Anwesen am Waldrand in der Nähe von Bonn.
Mehrmals im Jahr fand dort eine Seminarreihe zur Persönlichkeitsentwicklung statt. Es ging um Schattenarbeit. Darum die eigenen Muster und Glaubenssätze zu erkennen. Familienstellen. Die letzten Jahre war es immer wieder aufreibend gewesen, doch dieses Mal verstand ich etwas Grundlegendes.
Wenn ich etwas verändern wollte, so war es notwendig, die zuvor gelebten Muster erst hinter mir zu lassen.
Mir war das vorher nie gelungen, weil ich mir nie die Zeit genommen hatte, wirklich einen Strich zu ziehen. Aber jetzt war es soweit.
Das erste Mal war mir klar, was das Problem war.
Ich habe die Dinge gemacht, weil ich glaubte, ich müsste.
Ab diesem Moment habe ich etwas Entscheidendes verändert
Ich habe das Wort „müssen“ durch die Wörter „möchten“ und „wollen“ ersetzt.
Ab sofort musste ich nicht mehr einkaufen, sondern ich wollte.
Ich musste nicht mehr arbeiten, sondern ich wollte.
Ich musste nicht mehr essen, sondern ich wollte.
Ich musste nicht mehr gehen, sondern ich wollte.
Ich habe nicht mehr etwas anderes für meine Taten verantwortlich gemacht, nicht die Zeit, nicht den Job, nicht die Frau, sondern ich habe selbst entschieden.
Plötzlich war ich selbst verantwortlich!
Es klingt banal, aber probier es aus.
Alles, was ich seither tat, wurde zu einer freien Entscheidung. So kam es auch zu meiner Kündigung. Ich brauchte diesen Job, weil ich dachte, ich könnte nur das. Aber das stimmte nicht. Ich konnte so viel mehr.
Ich kann, so viel mehr!
Durch meine vorherige Einstellung war ich abhängig. Ich war gefangen. Ich hatte all diese Verbindlichkeiten, die ich bedienen musste.
Durch das Umdenken habe ich gemerkt, was ich alles gar nicht wollte.
Ich wollte nicht all diese Versicherungen haben. Ich wollte nicht für jemanden arbeiten, der mich nur als Belastung, als Nummer empfand. Ich wollte nicht mehr abhängig sein, von anderen.
Also habe ich gekündigt.
Und das war der zweite Schritt. Ich habe den Fluss unterbrochen. Ich habe das Thema nicht mitgenommen in den nächsten Job.
Ich löste meine Altersvorsorge auf, die ich mir viele Jahre vom Mund abgespart hatte, und kaufte mit meiner Partnerin zusammen einen Mercedes Bus 508D. Ein lauter Diesel-LKW, Baujahr 1979, autark. Dieser war als Camper ausgebaut. Und damit ging es dann los.
3 Wochen Italien. Ohne Job und ohne zu wissen, was ich machen im Anschluß werde.
Ja, das war Freiheit. Ich fühlte mich auch so. Frei.
Die wichtigste Unterhaltung meines Lebens war die mit mir selbst
Wenn du dir selbst sagst, was du alles musst, dann kannst du niemals frei sein.
Ein entscheidender Punkt war, als ich mir morgens sagte: “Ich möchte zur Arbeit fahren.” Da war klar, dass das nicht stimmte. Ich wusste das schon vorher, aber ich musste doch da hin, weil ich sonst kein Geld bekommen würde und ich dann nicht mehr meinen Lebensstandard halten könnte.
Ich fand kurz nach dem Urlaub eine neue Anstellung in einer Firma, in der ich auch heute noch arbeite. Es hat viel Mut erfordert, mich dort zu bewerben.
Das Ergebnis ist, dass ich jeden Tag sage: “Ich möchte arbeiten!”
Und ich fühle das. Ich habe mich frei dazu entschieden, diesen Job zu machen. Ich habe mich frei entschieden, diesen Vertrag zu unterschreiben.
Ich entscheide mich nicht jeden Tag neu.
Aber ich merke, wie ich mich frei zu allem, was ich tue, entscheide.
Das gibt allem ein ganz neues Gewicht.
Ich bin frei, weil ich die Dinge nicht tue, die ich nicht tun will!
Mit diesem Text möchte ich dich dazu auffordern, dich selbst zu hinterfragen.
Was verändert sich für dich, wenn du das Wort „müssen“ gegen „möchten“ austauschst?
Spiel es gern einfach durch:
“Ich möchte Steuern zahlen.“
”Ich möchte die Rechnung bezahlen.”
”Ich möchte gehen.”
Wenn du noch weitergehst, kannst du durch eine dankbare Formulierung den Mangel in deinem Leben bezwingen:
”Ich kann die Rechnung bezahlen.”
”Ich darf zum Sport.”
”Ich kann eine Lösung für das Problem finden.”



