Es fuckt mich wirklich up! Ich bin stinksauer, wütend und auch enttäuscht.
12,80 Euro sollte die Vignette für Österreich kosten. Zwei Wochen später standen 1.500 Euro auf meiner Kreditkartenabrechnung.
Natürlich habe ich mich geärgert. Ich habe mich aber auch gewundert, wie entspannt ich trotz allem bis heute geblieben bin.
Denn vor zehn Jahren hätte mich so etwas wahrscheinlich komplett aus der Bahn geworfen.
Und genau das hat mich wieder an ein Buch erinnert, das vor vielen Jahren einiges in meinem Leben verändert hat: "Der wunde Punkt – Die Kunst, nicht unglücklich zu sein“ von Wayne W. Dyer*.
Eigentlich wollte ich nur eine Vignette kaufen
Wir waren auf dem Weg nach Österreich in den Urlaub und wir brauchten noch eine Vignette. Erst habe ich mich geärgert, warum ich das nicht vorbereitet hatte. Normalerweise bereite ich immer alles für eine Reise schon zuHause vor.
Also habe ich bei Google danach gesucht und bin auf einer Seite gelandet, die für mich nach dem Anbieter für Vignetten in Österreich, der ASFINAG, aussah. Die ASFINAG kannte ich bereits aus einem früheren Urlaub in Österreich. Deshalb war mir die Seite vertraut.
Nur eine Sache machte mich kurz stutzig.
Ich konnte nur mit Kreditkarte bezahlen.
Das hätte mich als IT-ler schon aufwecken müssen. Normalerweise mache ich das nicht. Ich bezahle im Internet eigentlich nie mit Kreditkarte. Aber ich war im Stress, wir waren unterwegs und wir brauchten diese Vignette. Also habe ich meine Kreditkartendaten eingegeben und die Zahlung bestätigt.
Danach wurde der Zahlungsvorgang abgebrochen.
Ich dachte, dass es am schlechten Internet gelegen hätte. Also lud ich mir die ASFINAG‑App aus dem App Store herunter und kaufte die Vignette dort. Diesmal konnte ich mit PayPal bezahlen.
Für mich war die Sache damit erledigt.
Bis zwei Wochen später die E-Mail meiner Bank mit der neuen Kreditkartenabrechnung kam.
Plötzlich ging es nicht mehr um 12,80 Euro, sondern um 1.500 Euro.
Und dann fühlt sich niemand zuständig
Zuerst wusste ich überhaupt nicht, was passiert war.
Also habe ich bei meiner Bank, der ADAC Kreditbank, angerufen. Dort sagte man mir, dass wahrscheinlich nur ein Fehler beim Anbieter vorliegen würde und ich mich dorthin wenden sollte. “Cyberport ist doch ein seriöses Unternehmen. Da liegt sicher nur ein Fehler vor.”
Das Geld ging an Cyberport in Dresden. Auch dort konnte man mir nicht helfen und verwies mich wieder an meine Bank. Das sei nicht Sache des Verkäufers, sondern Sache der Bank.
Natürlich habe ich meine Kreditkarte sofort sperren lassen. Ich habe Anzeige bei der Polizei erstattet und die Zahlung bei meiner Bank reklamiert.
Die Reklamation wurde abgelehnt.
Die Begründung: Ich hätte die Zahlung selbst freigegeben.
Das stimmt so allerdings nicht. Ja, ich hatte eine Zahlung freigegeben. Allerdings die für 12,80 EUR. Meine Absicht war klar und deutlich, auch weil nur 4 Minuten später die Buchung über PayPal erfolgreich war.
Also habe ich Beschwerde bei der Bank eingereicht. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.
Was mich an der ganzen Geschichte fast mehr ärgert als das Geld, ist dieses Gefühl, allein gelassen zu werden.
Es ist nachvollziehbar, dass hier etwas nicht stimmt. Trotzdem fühlt sich niemand zuständig. Und am Ende bin ich derjenige, der möglicherweise 1.500 Euro bezahlen muss.
Und was hat das jetzt mit einem Buch zu tun?
„Der wunde Punkt“ habe ich vor vielen Jahren gelesen.
Das Buch von Wayne W. Dyer ist alt. Das Original erschien bereits in den 1970er-Jahren und manches darin würde man heute wahrscheinlich anders formulieren.
Der Gedanke dahinter ist für mich aber immer noch aktuell.
Wir können nicht kontrollieren, was uns passiert. Wir können aber beeinflussen, was wir daraus machen.
Das ist ein großer Unterschied.
Und wahrscheinlich ist mir erst durch dieses Erlebnis wieder bewusst geworden, wie sehr ich diesen Gedanken über die Jahre verinnerlicht habe.
Denn natürlich hätte ich meinem Gefühl vertrauen können, als mich die ausschließliche Zahlung mit Kreditkarte stutzig machte.
Ich hätte den Vorgang abbrechen können.
Habe ich aber nicht. Ich war in der Not und hatte keine Wahl.
Das kann ich heute nicht mehr ändern.
Verantwortung ist nicht dasselbe wie Schuld
Das ist für mich ein wichtiger Punkt.
Ich bin nicht schuld daran, dass mich jemand betrogen hat.
Aber ich kann Verantwortung dafür übernehmen, wie ich jetzt damit umgehe.
Ich habe meine Karte gesperrt. Ich habe Anzeige erstattet. Ich habe die Zahlung reklamiert. Ich habe Beschwerde eingelegt.
Mehr kann ich im Moment nicht tun.
Jetzt kann ich natürlich jeden Tag darüber nachdenken, wie ungerecht das alles ist. Ich kann mich darüber ärgern, dass die Bank meine Reklamation abgelehnt hat.Ich kann mir selbst Vorwürfe machen. Ich kann mich fragen, warum ich ausgerechnet dieses eine Mal meine Kreditkarte benutzt habe, obwohl ich das sonst nie mache.
Nur bekomme ich davon mein Geld auch nicht zurück.
Ich verliere höchstens noch mehr.
Zeit.
Gelassenheit.
Lebensfreude.
Und genau dafür möchte ich nicht auch noch bezahlen müssen.
Denn Zeit ist kostbar!
Vor zehn Jahren wäre das anders gewesen
Das Interessante an dieser Geschichte ist für mich deshalb gar nicht der Betrug.
Es ist meine Reaktion darauf.
Vor zehn Jahren hätten mich 1.500 Euro wahrscheinlich zerstört.
Ich wäre finanziell vermutlich am Existenzminimum gewesen und hätte nicht gewusst, wie ich diese Summe bezahlen soll.
Heute ist das anders.
Nicht weil 1.500 Euro plötzlich wenig Geld für mich wären.
Ganz im Gegenteil. Ich selbst gebe nur selten so viel Geld für etwas aus. Das bedarf schon einer sehr langen und gründlichen Entscheidung. Und 1.500 Euro für nichts auszugeben, ist natürlich noch mal schlimmer.
Aber mein Leben wird dadurch nicht aus der Bahn geworfen.
Ich lebe weiter.
Vielleicht bekomme ich das Geld zurück. Vielleicht auch nicht. Ich hoffe natürlich, dass meine Bank ihre Entscheidung noch einmal überdenkt.
Aber ich kann mein Leben nicht davon abhängig machen.
Ich ziehe meine Konsequenz
Natürlich lerne ich trotzdem aus der Sache.
Für mich ist die Konsequenz ziemlich einfach:
Ich werde keine Kreditkarten mehr verwenden.
Gar nicht. Punkt!
Ich werde nach der Abwicklung dieser Sache das Konto bei der Bank kündigen.
Ich verzichte lieber auf etwas, das ich ausschließlich mit Kreditkarte bezahlen kann, als dieses Zahlungsmittel noch einmal zu benutzen.
Vielleicht ist das für andere zu radikal. Für mich ist es die einzige logische Entscheidung. Aber auch damit werde ich nicht verhindern können, dass mir irgendwann wieder etwas Unangenehmes passiert.
Wir können versuchen, uns abzusichern. Wir können vorsichtig sein. Wir können Versicherungen abschließen, sichere Passwörter verwenden und jede Zahlung dreimal kontrollieren. Trotzdem gibt es keine Garantie dafür, dass nichts passiert.
Das Leben lässt sich nicht vollständig absichern.
Es gibt nur Situationen.
Was wir daraus machen, entscheiden wir.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die mir „Der wunde Punkt“ vor vielen Jahren mitgegeben hat.
Für mich gibt es immer weniger Probleme.
Es gibt nur Situationen.
Manche sind schön.
Manche sind unangenehm.
Manche kosten mich Geld.
Das Leben verläuft so: Situation. Lösung. Situation. Lösung. Situation. Lösung …
Aber ich entscheide, wie meine Realität aussieht.
Ich kann aus einer Situation ein Problem machen.
Ich kann daraus eine Krise machen. Ich kann mir Sorgen machen und immer wieder darüber nachdenken.
Oder ich kann schauen, was ich beeinflussen kann.
Und was ich nicht mehr beeinflussen kann, muss ich irgendwann akzeptieren.
Das heißt nicht, dass mir alles egal ist.
Es heißt auch nicht, dass ich mich nicht wehre.
Ich werde weiterhin versuchen, meine 1.500 Euro zurückzubekommen.
Aber ich werde nicht zulassen, dass dieses Ereignis darüber entscheidet, wie es mir jeden Tag geht.
Vielleicht ist genau das für mich heute die „Kunst, nicht unglücklich zu sein“.*
Nicht zu glauben, dass einem nichts Schlechtes mehr passieren wird.
Sondern zu wissen, dass man von Situation zu Situation neu entscheiden kann, was man daraus macht.
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