Mein Bruch mit der Kirche
Kein Licht ohne Dunkelheit. Kein Mut ohne Angst. Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu erkennen.
Ein guter Sohn, tut bestimmte Dinge nicht.
Er enttäuscht seine Eltern nicht. Er hält sein Wort. Er bleibt, wenn er versprochen hat, zu bleiben. Er beschwert sich nicht. Probleme bleiben in der Familie.
So bin ich aufgewachsen.
Zwischen kalten Kirchenbänken, Geboten, der Beichte und dem festen Gefühl, dass Gott immer zusieht und alles weiß.
Ich habe später versucht, frei zu sein. Nur wusste ich nicht, wie das geht.
Manche Versprechen gingen nicht einfach weg, nur weil ich erwachsen wurde.
Sie bleiben in einem. In der Ehe. In der Angst. Im Blick der Eltern, den ich mir schlimmer vorstelle, als er vielleicht jemals gewesen war.
Und dann gibt es da noch etwas, was ich nie ausgesprochen habe.
Teil 1
Mein Glaubensweg hat eine lange Geschichte. Und ich möchte nicht sagen, dass dieser Weg schlecht war. Ich erzähle ihn hier, damit du mich ein Stück besser verstehen kannst. Vielleicht erkennst du darin auch etwas von deinem eigenen Weg wieder.
Ich erzähle ihn aber auch, weil mein heutiges Leben stark auf meinem Glauben basiert. Viele Entscheidungen, Wendungen und Veränderungen, über die ich auf meinem Blog schreibe, haben genau dort ihren Ursprung. Sie lassen sich immer wieder auf meine innere Haltung zum Leben zurückführen.
Am Anfang war Gott
Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Düren aufgewachsen. Es war eine Kindheit, geprägt von Walkmans, Bonanza-Rädern, Telefonzellen und langen Nachmittagen draußen. Wir kamen erst nach Hause, wenn die Straßenlaternen zu glimmen begannen.
Die Welt war kleiner damals. Zumindest fühlte sie sich so an. Überschaubarer. Geordneter. Und in dieser Ordnung hatte vieles seinen festen Platz.
Auch Gott.
In meinem Zuhause gehörte Kirche einfach dazu. Sie war kein einzelner Termin am Sonntag, kein Randthema und auch keine bloße Tradition, die man zu bestimmten Anlässen hervorholte. Sie war Teil des Alltags.
Meine Eltern waren in der Kirche engagiert. Dadurch war der Glaube immer präsent. Er lag gewissermaßen schon bereit, bevor ich alt genug war, mir eigene Fragen dazu zu stellen. Taufe, katholischer Kindergarten, Gottesdienst am Sonntag, christliche Feiertage, katholische Grundschule, später eine Jungenschule in privater Trägerschaft eines Ordens. Erstkommunion, Pfadfinder, Firmung. Schritt für Schritt führte alles denselben Weg entlang.
Auch zu Hause hatte dieser Weg klare Markierungen. Die Zehn Gebote. Das Vaterunser. Das Glaubensbekenntnis. Dazu Sätze, die sich tief einprägten: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ehrlich sein. Anständig sein. Zur Beichte gehen. Sich benehmen. Ein guter Junge sein.
Ich nahm das lange als selbstverständlich hin. So war es eben. Es fühlte sich weniger wie eine Entscheidung an als wie eine Ordnung, in die ich hineingeboren wurde.
An die Gottesdienste erinnere ich mich noch gut. An diese Kälte in der Backsteinkirche, die mir langsam in die Knochen zog. An die harten Bänke. An das Knien, bei dem ich immer nur noch darauf wartete, dass es vorbei ist. Vor allem waren sie Pflicht. Ein Nein dazu gab es nicht.
Vorn sprach jemand von Dingen, die groß und wichtig klangen.
Schuld. Vergebung. Opfer. Gnade. Ewiges Leben.
Ich hörte die Worte, kannte die Stellen, an denen man aufstehen musste, wusste, wann man antwortete, wann man sang und wann man schwieg. Vieles zog an mir vorbei.
Kirche war bei uns kein einzelner Ort. Sie war allgegenwärtig.
Die Zeit der Firmvorbereitung blieb mir besonders im Gedächtnis. Ich war damals ohnehin jemand, der schwer Anschluss fand. Dort wurde dieses Gefühl noch größer. Während andere schneller ihren Platz fanden, blieb ich daneben stehen. Ich erinnere mich daran, wie ich im Aufenthaltsraum auf einer Couch schlief, weil ich wegen meiner Bettwäsche gehänselt worden war. Ich dachte nachts darüber nach, einfach per Anhalter nach Hause zu fahren. Die Betreuer bekamen mit, dass etwas los war. Für mich änderte sich dadurch nichts.
In dieser Zeit fühlte ich mich oft verloren. Nicht an einem bestimmten Ort, eher grundsätzlich. In der Schule. In Gruppen. In meinem Körper. In meinem Kopf. Und der Glaube, der für andere vielleicht ein Halt war, wurde für mich zu einem weiteren Raum, in dem ich wissen musste, wie man sich richtig verhält.
Vielleicht war das alles von außen betrachtet gewöhnlicher, als es sich für mich angefühlt hat. Vielleicht würden andere sagen, dass es damals eben so war. Kirche, Regeln, Pflichten, Feiertage, Sonntage, Beichte, ein ordentliches Kind. Vielleicht stimmt das sogar.
Für mich fühlte es sich extrem an
Solange ich zu Hause war, blieb die Ordnung bestehen. Ich fügte mich ein. Ich wollte Harmonie. Nicht auffallen. Nicht enttäuschen. Nicht der sein, über den man sich Sorgen machen musste.
Nach einem längeren Aufenthalt im Ausland gelang mir mit 21 der Auszug in meine erste eigene 2-Zimmer-Wohnung. 60qm, Dachgeschoss, 450 EUR.
Meine Freiheit.
Damit verschwanden all die Regeln und Gesetze.
Keine Gottesdienste mehr und auch keine Beichte. Die Feiertage blieben hauptsächlich dann bestehen, wenn sie mit Familie verbunden waren: Weihnachten, Ostern, Zusammensein, Essen, vertraute Abläufe.
Daran habe ich gute Erinnerungen.
Alles andere in meinem Leben kippte allerdings in eine ganz andere Richtung. Was vorher geregelt war, wurde maßlos. Partys, Frauen, Zocken, Alkohol.
Ich wollte auch Drogen probieren, hatte dazu aber keinen Zugang. Zum Glück!
Freiheit wurde zu etwas, das ich ausreizen musste.
Die Freiheit, die ich auf meiner Reisen gespürt hatte, passte nicht mehr in das Leben, in dem ich mich befand. Aber ich wusste auch nicht, wie man wirklich frei ist. Also tat ich Dinge, die sich nach Freiheit anfühlten. Möglichst laut. Möglichst viel. Möglichst weit weg von dem Jungen, der sonntags in der kalten Kirche saß.
Es öffnete sich ein langer Flur voller Türen. Und ich ging nicht vorsichtig hindurch. Ich rannte ihn entlang und ließ keinen Raum aus.
Vielleicht konnte ich damals nicht frei sein. Vielleicht musste ich nur alles tun, um mich nicht spüren zu müssen.
Später heiratete ich. Eine Frau, die gehen wollte, ich sie aber nicht ließ. Weil ich Angst hatte, wieder allein zu sein.
Bis dass der Tod euch scheidet
Das hatte ich unterschrieben.
Vor Gott. Vor unseren Familien. Vor meinen Eltern. Vor meiner Verlobten, die auch aus einem sehr gläubigen Elternhaus kam.
Für mich war das nicht nur ein Satz aus einer Zeremonie. Es war ein Versprechen. Eines, das ich halten musste, auch als unsere Ehe längst nur noch aus Streit, Lügen und Vorwürfen bestand. Also ich war derjenige, der log.
Ich hatte es meiner damaligen Frau zuliebe immer wieder versucht. Das mit der Kirche. Weil sie es sich so sehr wünschte.
Wir hatten die Eheberatung hinter uns. Wir hatten geredet, erklärt, versucht. Es wurde immer klarer, dass es nicht mehr besser wurde.
Trotzdem konnte ich nicht gehen.
Eine Trennung fühlte sich für mich an wie Verrat. Sie fühlte sich an wie das Geständnis eines Versagers.
Ich habe das Versprechen vor Gott gegeben und ich habe es gebrochen.
Am meisten fürchtete ich den Blick meiner Eltern
Dieses stille Begreifen, dass aus dem Sohn, nicht das geworden war, was sie vom Erstgeborenen erwartet hatten.
Kein Gymnasium. Kein Studium. Kein guter Job.
„Wenigstens sein Wort hätte er halten können. Schließlich geht es nicht nur um ihn.“ – Das war nur in meinem Kopf, gehört habe ich es so nie, von meinen Eltern.
Also blieb ich.
Aus Angst. Aus Pflicht. Aus diesem alten Reflex heraus, keinen Fehler machen zu dürfen, der nicht mehr zu reparieren ist.
Erst viel später zog ich aus. Der Scheidungswunsch kam schließlich von meiner Exfrau. Vielleicht, weil sie aussprechen konnte, woran ich innerlich noch immer erstickte.
Es war vorbei
Erst da habe ich verstanden, warum ich raus musste.
Die Kirche war für mich keine Option mehr. Sie war nur ein Echo aus Schuld, Pflicht, Beichte, Versprechen und der Angst, meine Eltern zu enttäuschen.
Ich konnte nicht mehr an etwas glauben, das in mir genau die Sätze wachhielt, an denen ich fast erstickt wäre.
Sei ruhig.
Passe dich an.
Stell dich nicht so an.
Enttäusche niemanden.
Brich dein Versprechen nicht.
Ich hatte diese Sätze lange genug mit mir herumgetragen. In meiner Kindheit. In meiner Jugend. In meiner Ehe. In einem Leben, das nach außen funktionieren sollte, während innen längst alles dagegen sprach.
Mein Austritt war kein Wutausbruch. Es war ein Cut.
Ich musste raus aus allem, was mich immer wieder zurück in diese Rolle drückte: Der, der lieber leidet, als ein Versprechen zu brechen.
Ich bin gegangen, weil ich meine Werte verloren hatte.
Ich bin gegangen, weil ich nicht mehr glaubte.
Ich war leer.
Gott war fort!
Zum Schluss
Das ist kein Urteil über meine Eltern. Ich glaube fest daran, dass sie mir das Beste von dem, was sie wussten, mit auf meinen Weg gegeben haben. Auch würde ich niemals sagen, dass ich es besser gewusst hätte oder es jemals selbst besser hätte machen können, als sie es getan haben.
Auch urteile ich nicht über die Kirche oder über diejenigen, die ihr angehören. Ich urteile auch nicht über den Glauben meiner Eltern. Speziell dem meines Vaters. Ich weiß, dass der Glaube meinem Vater immer Halt gegeben hat, und ich weiß, dass der Glaube meinen Eltern dann Zuversicht geschenkt hat, als ich meinen Weg nicht mehr richtig sehen konnte.
Der Text gibt meine Erinnerung wieder. Meine Wahrnehmung. Und es ist ein Versuch zu verstehen, warum aus etwas, das mein Leben so geprägt und begleitet hat, irgendwann etwas wurde, dem ich nur noch entkommen wollte.
Es ist der Versuch, eine Spur zurückzuverfolgen und Vergangenes aufzuarbeiten, um zu erkennen, was war.
Papa, was ich dir noch gar nicht gesagt habe:
“Ich bin schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten.”
In Teil 2 geht es darum, wie ich heute mit Glauben umgehe und wie ich einen Weg zurückfand.
Wie aus Freundschaft Habgier wurde



Sehr viel Mut und Transparenz. Danke für diesen Artikel.